
Wann hast du eigentlich aufgehört zu merken, was du brauchst?
Es gibt Fragen, auf die wir erstaunlich schnell eine Antwort haben. Was brauchen die Kinder für morgen? Was muss noch eingekauft werden? Was erwartet der Kunde, was möchte der Partner, wann muss welches Formular wohin und wer hatte noch mal versprochen, einen Kuchen mitzubringen?
Und dann gibt es diese eine, eigentlich ziemlich einfache Frage:
Was brauchst du gerade?
Manchmal dauert die Antwort darauf verdächtig lange.
Vielleicht weil wir Bedürfnisse gerne mit Wünschen verwechseln. Oder mit Luxus. Ruhe wäre schön, aber dafür ist gerade keine Zeit. Eigentlich müsste ich etwas essen, aber das mache ich später. Ich möchte heute niemanden mehr sehen, habe aber zugesagt. Dieses Gespräch tut mir nicht gut, trotzdem führe ich es zum fünften Mal. Irgendwann gewöhnt man sich daran, die eigenen Signale ungefähr so zu behandeln wie die Warnleuchte im Auto: Man hat sie gesehen, aber ein paar Kilometer gehen bestimmt noch.
Meistens gehen tatsächlich noch ein paar Kilometer.
Das macht die Sache nicht unbedingt besser.
Ich glaube, viele Menschen verlieren den Kontakt zu ihren Bedürfnissen nicht plötzlich. Es passiert viel unspektakulärer. Man lernt, vernünftig zu sein, Rücksicht zu nehmen, durchzuhalten, niemanden zu enttäuschen und Dinge eben zu erledigen, weil sie erledigt werden müssen. Vieles davon ist wichtig. Wir können schließlich nicht jedes Mal unseren kompletten Tagesablauf einstellen, nur weil uns gerade nach Wald und einer Decke ist.
Aber irgendwo zwischen Verantwortung und Funktionieren kann etwas verrutschen.
Dann merkt man Hunger erst, wenn man völlig gereizt ist. Erschöpfung erst, wenn nichts mehr geht. Den Wunsch nach Abstand erst, wenn man jemanden eigentlich schon gar nicht mehr sehen möchte. Und eine Grenze manchmal erst in dem Moment, in dem sie längst überschritten wurde.
Das Interessante ist, dass wir anschließend häufig beim Verhalten anfangen.
Warum bin ich so gereizt?
Warum kann ich mich nicht konzentrieren?
Warum macht mich diese Kleinigkeit so wütend?
Warum möchte ich einfach nur, dass mich alle in Ruhe lassen?
Vielleicht liegt die Antwort nicht immer in irgendeinem großen ungelösten Thema. Manchmal war der Tag einfach zu laut, zu voll, zu sozial oder zu lange ohne Pause. Manchmal haben wir zehnmal Ja gesagt, obwohl irgendwo in uns längst ein Nein saß, das nur leider nicht gefragt wurde.
Bedürfnisse wahrzunehmen bedeutet dabei nicht, jedem inneren Impuls sofort folgen zu müssen. Das wäre in einer Familie, einer Partnerschaft oder vermutlich überhaupt in jeder Form menschlichen Zusammenlebens ziemlich unpraktisch.
Aber zwischen „Ich bekomme immer, was ich brauche“ und „Was ich brauche, spielt keine Rolle“ liegt ein sehr großer Raum.
In diesem Raum liegen Entscheidungen.
Und Grenzen.
Eine Grenze ist für mich nicht die elegante Form von „Alle anderen sollen sich jetzt nach mir richten“. Sie beginnt viel früher. Mit der Erkenntnis, dass ich überhaupt eine habe.
Dass ich vielleicht noch könnte, aber nicht mehr möchte.
Dass etwas für einen anderen Menschen vollkommen in Ordnung sein kann und für mich trotzdem nicht.
Dass ich jemanden lieben und trotzdem Nein sagen kann.
Dass ich Verantwortung für andere tragen kann, ohne für alles verantwortlich zu sein.
Und dass Rücksicht irgendwann aufhört, Rücksicht zu sein, wenn dafür dauerhaft immer derselbe Mensch übergangen wird.
Vielleicht ist das einer der Gründe, warum Grenzen so oft erst ziemlich laut werden. Wenn die leisen Signale lange genug ignoriert wurden, bleibt dem eigenen System irgendwann nicht mehr besonders viel Auswahl.
Dann kommt der Rückzug, die Gereiztheit, das abrupte Nein oder dieses Gefühl, dass plötzlich wirklich alles zu viel ist.
Dabei wäre die spannendere Stelle oft viel früher gewesen. Der Moment, in dem man zum ersten Mal gemerkt hat: Eigentlich möchte ich das nicht. Eigentlich brauche ich eine Pause. Eigentlich ist mir das zu viel.Eigentlich passt das nicht mehr.
Dieses „eigentlich“ finde ich inzwischen ziemlich interessant. Es steht erstaunlich oft direkt vor einer Information, die wir schon lange besitzen und trotzdem zuverlässig übergehen.
Vielleicht müssen wir deshalb gar nicht lernen, noch mehr Bedürfnisse zu haben. Davon haben wir ohnehin genug.
Vielleicht müssen wir wieder lernen, sie rechtzeitig zu bemerken.
Nicht damit sich anschließend die ganze Welt um uns dreht, sondern damit wir überhaupt eine bewusste Entscheidung treffen können: Was brauche ich hier? Was braucht der andere? Was ist möglich? Wo kann ich mich anpassen und wo sollte ich es nicht mehr tun?
Denn Grenzen trennen uns nicht automatisch voneinander.
Manchmal sind sie genau das, was verhindert, dass wir uns selbst in Beziehungen, Familien, Arbeit und all den Anforderungen unseres Lebens so weit verlieren, dass irgendwann gar nicht mehr viel von uns übrig ist.
Vielleicht beginnt Selbstfürsorge deshalb sehr viel früher als bei Bädern, Kerzen und Dingen, die man sich noch zusätzlich in den Kalender schreiben kann.
Vielleicht beginnt sie mit einer ziemlich unspektakulären Frage:
Was brauche ich gerade eigentlich wirklich?
Vielleicht ist das der eigentliche Luxus: nicht schneller zu werden, sondern genauer hinzusehen.
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