
Du weißt längst, was du tun solltest. Warum hilft es trotzdem nicht?
Eigentlich wissen wir erstaunlich viel darüber, was uns guttun würde. Wir wissen, dass Schlaf wichtig ist, Bewegung meistens eine gute Idee ist, Pausen nicht erst dann stattfinden sollten, wenn gar nichts mehr geht, und dass drei Stunden zielloses Scrollen am Abend vermutlich keine anerkannte Form der Regeneration sind. An Wissen mangelt es den meisten von uns jedenfalls nicht.
Im Gegenteil. Wir haben wahrscheinlich noch nie so viel darüber gewusst, wie man gesund, ausgeglichen, organisiert und möglichst sinnvoll durchs Leben kommt. Es gibt Bücher, Podcasts, Apps, Kurse, Morgenroutinen, Abendroutinen und Menschen im Internet, die offenbar jeden Tag vor Sonnenaufgang bereits Sport gemacht, meditiert und ihre Lebensziele für die kommenden fünf Jahre aufgeschrieben haben.
Und trotzdem sitzt man manchmal da und denkt: Ich weiß das doch alles. Warum mache ich es dann nicht?
Warum gehe ich nicht früher ins Bett, obwohl ich weiß, wie schlecht mir zu wenig Schlaf bekommt? Warum fange ich diese eine Sache immer wieder erst an, wenn der Druck schon unangenehm wird? Warum schaffe ich es drei Wochen lang, eine Routine einzuhalten, die mir tatsächlich guttut, und höre dann plötzlich wieder damit auf? Und warum funktioniert etwas bei anderen scheinbar so mühelos, während es bei mir jedes Mal zu einem kleinen persönlichen Projekt wird?
Irgendwann landet man fast zwangsläufig bei sich selbst. Vielleicht fehlt mir einfach Disziplin. Vielleicht bin ich inkonsequent. Vielleicht müsste ich mich besser organisieren oder einfach aufhören, alles so kompliziert zu machen.
Das Problem ist nur: Zwischen dem Wissen, was gut wäre, und der Fähigkeit, es tatsächlich zu tun, liegt ein ganzer Mensch.
Und Menschen funktionieren leider etwas komplexer als eine To-do-Liste.
Ich kann zum Beispiel sehr genau wissen, dass mir Struktur guttut und gleichzeitig Schwierigkeiten damit haben, diese Struktur selbst herzustellen. Ich kann wissen, dass ich Ruhe brauche und trotzdem so lange weitermachen, bis ich längst gereizt bin und mich frage, warum mich plötzlich jedes Geräusch nervt. Ich kann mir morgens vornehmen, eine Aufgabe endlich rechtzeitig anzufangen, und beobachten, wie mein Gehirn sie den ganzen Tag äußerst zuverlässig ignoriert, bis die Deadline so nah ist, dass offenbar endlich genügend Spannung entstanden ist, um interessant zu werden.
Von außen sieht das schnell nach mangelnder Konsequenz aus. Und manchmal ist es das vielleicht auch. Nicht jede aufgeschobene Steuererklärung braucht eine tiefere psychologische Bedeutung.
Aber eben auch nicht immer.
Vielleicht liegt genau dort ein Denkfehler, den wir erstaunlich häufig machen: Wir gehen davon aus, dass eine Methode, die grundsätzlich sinnvoll ist, auch für jeden Menschen auf dieselbe Weise funktionieren müsste. Tut sie das nicht, hinterfragen wir selten zuerst die Methode oder die Bedingungen. Wir hinterfragen uns.
Aus „Damit komme ich nicht gut zurecht“ wird irgendwann „Ich bin einfach chaotisch“. Aus „Das kostet mich viel Kraft“ wird „Ich bin nicht belastbar“. Aus „Diese Art zu arbeiten funktioniert für mich nicht“ wird „Warum bekommen das alle hin und ich nicht?“
Und wenn man solche Sätze oft genug über sich denkt, werden sie irgendwann zu einer ziemlich stabilen Vorstellung davon, wer man ist.
Dabei könnte es sein, dass man bislang nur die falschen Fragen gestellt hat.
Vielleicht muss ich mich nicht zuerst fragen, warum ich eine bestimmte Routine nicht durchhalte, sondern warum sie so viel Kraft kostet. Vielleicht ist nicht interessant, dass ich immer wieder Struktur verliere, sondern unter welchen Bedingungen sie mir tatsächlich gelingt. Vielleicht ist etwas, das für einen anderen Menschen entspannend ist, für mich überhaupt nicht entspannend. Und vielleicht ist eine Strategie nicht deshalb schlecht, weil sie bei mir nicht funktioniert. Sie passt nur nicht zu mir.
Das klingt zunächst fast banal. Ich glaube aber, dass darin ein ziemlich großer Unterschied liegt.
Denn sobald ich aufhöre, jede Schwierigkeit automatisch als persönliches Defizit zu interpretieren, kann ich neugieriger werden. Nicht im Sinne von „So bin ich eben, damit müssen jetzt alle leben“, sondern viel konkreter: Wie funktioniere ich eigentlich wirklich? Was hilft mir tatsächlich? Wann kann ich mich gut konzentrieren? Was kostet mich unverhältnismäßig viel Kraft? Welche Bedingungen brauche ich, um etwas beginnen zu können? Und welche Dinge tue ich seit Jahren nur deshalb auf eine bestimmte Weise, weil ich irgendwann gelernt habe, dass man sie eben so macht?
Manchmal führt das zu erstaunlich kleinen Veränderungen. Manchmal zu ziemlich großen.
Vielleicht braucht es einen anderen Tagesrhythmus. Vielleicht weniger Reize. Vielleicht mehr Verbindlichkeit von außen oder gerade mehr Freiheit. Vielleicht einen anderen Arbeitsplatz, klarere Grenzen oder die Erkenntnis, dass nicht jede beliebte Methode auch zur eigenen Persönlichkeit, zum eigenen Nervensystem oder zum eigenen Gehirn passen muss.
Und manchmal braucht es zunächst überhaupt nichts Neues.
Nur jemanden, der gemeinsam mit einem etwas genauer hinschaut, bevor wieder die nächste Lösung auf ein Problem gesetzt wird, das möglicherweise ganz woanders liegt.
Ich glaube nämlich nicht, dass wir immer noch mehr darüber lernen müssen, wie man ein Leben richtig führt. Davon gibt es inzwischen wirklich genug Material.
Vielleicht wäre es an manchen Stellen hilfreicher, herauszufinden, wie das eigene eigentlich funktioniert.
Denn wenn eine Lösung immer wieder an demselben Menschen scheitert, muss nicht zwangsläufig der Mensch das Problem sein.
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