Wir erleben dieselbe Situation – aber nicht dieselbe Wirklichkeit

Es gibt Sätze, die sagen wir so selbstverständlich, dass wir kaum darüber nachdenken, was eigentlich darin steckt. „Das war doch gar nicht so schlimm.“ „So laut war es doch gar nicht.“ „Ich habe das doch nicht böse gemeint.“ Oder mein persönlicher Favorit: „Ich hätte damit kein Problem.“ Was meistens vermutlich nett gemeint ist und trotzdem erstaunlich wenig darüber aussagt, wie es dem anderen gerade geht.

Denn genau genommen sagen wir in solchen Momenten vor allem etwas über uns selbst.

Ich hätte damit kein Problem. Für mich war es nicht laut. Mich hätte diese Bemerkung nicht verletzt. Ich empfinde diese Situation nicht als schwierig.

Und daraus machen wir, meistens völlig unbewusst, ziemlich schnell einen Maßstab dafür, wie angemessen die Reaktion eines anderen Menschen ist.

Das ist menschlich. Unsere eigene Wahrnehmung fühlt sich schließlich nicht wie eine Perspektive an. Sie fühlt sich wie die Wirklichkeit an.

Wenn ich in einem Raum sitze und die Musik angenehm finde, denke ich nicht gleichzeitig darüber nach, dass mein Gehirn gerade eine ganz individuelle Mischung aus Lautstärke, Stimmen, Licht, Gerüchen, Bewegung und Atmosphäre verarbeitet. Ich sitze einfach da und finde es angenehm. Wenn jemand neben mir nach zwanzig Minuten sagt, dass es ihm zu viel wird, entsteht deshalb schnell diese kleine Irritation: Wirklich? So schlimm ist es doch gar nicht.

Vielleicht ist genau dieses „doch“ interessanter, als es zunächst aussieht.

Zwei Menschen können im selben Raum sitzen, dieselben Geräusche hören und trotzdem etwas vollkommen Unterschiedliches erleben. Nicht nur, weil Menschen unterschiedliche Vorlieben haben, sondern weil unsere Wahrnehmung tatsächlich unterschiedlich funktioniert. Wir filtern anders, gewichten anders, reagieren anders und verbinden das, was gerade geschieht, mit Erfahrungen, die der andere nicht hat.

Das gilt für Reize genauso wie für Beziehungen.

Eine Bemerkung kann für den einen völlig neutral sein und beim anderen etwas treffen, das weit über diesen einen Satz hinausgeht. Ein Kind kann eine spontane Planänderung kaum bemerkenswert finden, während ein anderes dadurch das Gefühl bekommt, dass ihm gerade der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. Ein Partner braucht nach einem langen Tag Nähe, der andere Ruhe, und beide können sich ziemlich überzeugend erklären, warum genau ihr eigenes Bedürfnis gerade das nachvollziehbarere ist.

Das Problem ist also vielleicht gar nicht, dass wir unterschiedlich wahrnehmen.

Das Problem beginnt dort, wo wir vergessen, dass wir es tun.

Wir sprechen gerne darüber, Menschen so zu nehmen, wie sie sind. Solange Unterschiedlichkeit keine Konsequenzen hat, ist das auch relativ einfach. Spannender wird es, wenn ein Kind einen Raum nicht betreten möchte, den alle anderen völlig unproblematisch finden, wenn jemand eine Grenze setzt, die wir selbst nicht brauchen würden, oder wenn ein Mensch auf etwas reagiert, das uns persönlich überhaupt nicht berührt hätte.

Dann zeigt sich, ob wir Unterschiedlichkeit nur theoretisch gut finden oder ob wir sie auch dann aushalten können, wenn sie unserer eigenen Wahrnehmung widerspricht.

Das bedeutet nicht, dass jede Wahrnehmung automatisch bestimmt, was anschließend geschehen muss. Wenn vier Menschen zusammenleben, können nicht immer alle gleichzeitig genau das bekommen, was sie brauchen. Bedürfnisse können sich widersprechen, Grenzen können kollidieren und manchmal muss trotzdem eine Entscheidung getroffen werden.

Aber dafür muss ich die Erfahrung des anderen nicht erst entwerten.

Vielleicht kann ein Kind den Geburtstag trotzdem besuchen und ich nehme gleichzeitig ernst, dass der volle Raum für dieses Kind anstrengend ist. Vielleicht kann ich meinem Partner sagen, dass ich gerade Nähe brauche, ohne daraus zu schließen, dass sein Wunsch nach Rückzug bedeutet, dass ihm unsere Beziehung egal ist. Vielleicht kann ich anderer Meinung sein und trotzdem verstehen, dass das, was der andere erlebt, für ihn genauso real ist wie meine eigene Sicht für mich.

Ich glaube, genau da beginnt etwas, das wir oft sehr schnell „Empathie“ nennen und dann ein bisschen zu bequem verstehen. Es reicht nicht immer, sich vorzustellen, wie man selbst sich an der Stelle des anderen fühlen würde. Denn wahrscheinlich würde man sich dort eben nicht genauso fühlen. Man müsste einen Schritt weitergehen und akzeptieren, dass ein anderer Mensch tatsächlich anders erleben darf, ohne dass eine der beiden Wahrnehmungen dadurch automatisch falsch wird.

Das ist manchmal unbequem.

Vor allem dann, wenn die Wahrnehmung des anderen etwas von uns verlangt. Rücksicht. Veränderung. Eine Erklärung. Vielleicht sogar die Erkenntnis, dass eine Situation, die für uns seit Jahren völlig normal ist, für einen anderen Menschen regelmäßig schwierig war.

Und trotzdem glaube ich, dass genau darin sehr viel von gutem Miteinander liegt.

Nicht darin, dass wir am Ende alle dieselbe Sicht auf eine Situation haben. Das wird ohnehin selten funktionieren.

Sondern darin, dass ich meine eigene Wahrnehmung nicht mehr für den Mittelpunkt der Welt halten muss.

Sie darf wahr sein.

Und die des anderen auch.

Vielleicht würden viele Konflikte nicht sofort verschwinden, wenn wir das wirklich könnten. Aber sie würden sich verändern. Weil wir nicht mehr ausschließlich darum kämpfen müssten, wessen Version der Wirklichkeit gewinnt.

Manchmal reicht es schon, zu verstehen, dass wir dieselbe Situation erlebt haben.

Nur eben nicht dieselbe Wirklichkeit.

Avatar von Isabel Z

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