Ich mag tiefe Prozesse.
Wirklich.
Meditation, Hypnose, Energiearbeit, Retreats, Healings, Activations und was die spirituelle Welt sonst noch alles hervorgebracht hat, damit wir möglichst spektakulär zu uns selbst finden. Ayahuasca habe ich bisher ausgelassen, aber wer weiß. Mein Methodenkoffer ist jedenfalls groß genug, und einiges davon benutze ich selbst sehr gern.
Ich glaube auch, dass solche Erfahrungen etwas verändern können. Manchmal tatsächlich ziemlich viel. Es kann sein, dass man plötzlich etwas über sich versteht, das man jahrelang nicht gesehen hat. Vielleicht löst sich etwas, vielleicht verschiebt sich eine alte Geschichte oder man erlebt für einen Moment sehr deutlich, wer man eigentlich ist, wenn der ganze übliche Lärm im Kopf ein bisschen leiser wird.
Alles wunderbar. Nur habe ich mich irgendwann gefragt: Was passiert eigentlich am Dienstagmorgen danach?
Wenn kein Gong erklingt. Wenn niemand den Raum hält. Wenn die Kerzen aus sind und stattdessen ein Kind seine Schuhe nicht findet. Wenn der Hund rausmuss, irgendeine Nachricht auf dem Handy nervt oder man selbst seit einer Stunde merkt, dass man eigentlich eine Pause bräuchte, aber natürlich nur noch schnell diese eine Sache fertig machen will. Einfach Leben also.
Und dieses „einfach Leben“ nimmt einen großen Teil unseres Tages sein. Wir wollen besser leben. Zumindest wäre das mein Wunsch.
Und genau da habe ich in den letzten Jahren immer stärker gemerkt, dass die großen Erkenntnisse allein manchmal erstaunlich wenig helfen, wenn ich im Alltag gar nicht wahrnehme, was gerade in mir passiert. Bei mir ist das manchmal so:
Ich kann in einer tiefen Meditation erkennen, dass ich meine Grenzen viel früher ernst nehmen müsste. Große Erkenntnis. Vielleicht sogar mit Tränen. Vielleicht fühlt sich plötzlich alles vollkommen klar an. Und drei Tage später sage ich trotzdem Ja, obwohl ich Nein meine, weil ich das kleine Ziehen im Bauch entweder gar nicht bemerkt habe oder sehr überzeugend entschieden habe, dass es jetzt gerade nicht in meinen Tagesplan passt.
Was hier passiert ist, ist folgendes: Ich hatte eine Erkenntnis, aber noch keine neue Gewohnheit. Die eigene Wahrnehmung im Alltag langfristig zu platzieren passiert selten über Nacht. Und ich glaube, genau dort liegt für mich inzwischen die wahre Magie.
Findest du nicht auch, dasss wir heute unglaublich viel über Heilung, Transformation und Durchbrüche lesen, hören oder nachdenken. Weniger sexy klingt dagegen: lernen, früher zu bemerken, dass man Hunger hat. Oder dass ein Gespräch gerade kippt. Oder dass man anfängt, sich anzupassen. Oder dass das Kind nicht „schwierig“ wird, sondern gerade überfordert ist. Oder dass man selbst eigentlich längst über der eigenen Grenze ist und trotzdem noch freundlich erklärt, dass natürlich alles gar kein Problem ist.
Diese Magie names Wahrnehmung ist für mich inzwischen eines der mächtigsten Dinge überhaupt, denn wenn ich etwas früher bemerke wie es mir wirklich geht und was ich brauche, habe ich plötzlich mehr Möglichkeiten. Ich kann wirklich entscheiden, was ich tue und werde nicht irgendwann von meinen Reaktionen gelenkt. Wenn ich erst merke, dass mir etwas zu viel ist, wenn ich schon explodiere, bleibt nicht besonders viel Auswahl. Aber wenn ich es zehn Minuten früher merke, vielleicht schon. Oder wenn ich erst erkenne, dass ich mich wieder völlig verloren habe, wenn ich erschöpft auf dem Sofa liege und niemanden mehr sehen möchte, kann ich daraus natürlich auch etwas lernen, aber wäre es nicht einfacher, die kleinen Signale davor irgendwann zu kennen und sie auch richtig lesen zu lernen.
Vielleicht ist das der Punkt, der mir in manchen spirituellen Räumen fehlt.
Nicht die Tiefe. Davon gibt es genug.
Eher die Frage, wie wir diese Tiefe wieder mit nach Hause nehmen.
Was bringt mir die Erkenntnis, dass ich mich selbst mehr achten möchte, wenn ich am nächsten Montag wieder über jedes eigene Bedürfnis hinweggehe?
Was bringt mir ein tiefes Gefühl von Verbundenheit, wenn ich danach im Alltag jeden Menschen innerlich verfluche, der an der Supermarktkasse zu langsam ist?
Und was bringt mir am Ende die schönste Erfahrung darüber, wer ich „wirklich bin“, wenn ich im normalen Alltag kaum noch mitbekomme, was in mir passiert?
Und genau das ist der Punkt, der mich inzwischen mehr interessiert als die nächste große Erkenntnis. Nicht, weil ich Tiefe für unwichtig halte – ganz im Gegenteil. Ich glaube, dass sie sich irgendwann zeigen muss oder sollte. In der Art, wie ich mit mir rede. In dem Moment, in dem ich merke, dass ich eigentlich Nein sagen möchte. Darin, dass ich früher spüre, wann mir etwas zu viel wird, statt erst dann darauf zu reagieren, wenn mein ganzes System schon ziemlich deutlich protestiert.
Das klingt natürlich wesentlich weniger spektakulär als Transformation, Activation oder ein Healing, dessen Name schon beim Lesen das Gefühl vermittelt, man müsste danach mindestens drei Zentimeter über dem Boden schweben.
Aber Veränderung zeigt sich für mich inzwischen oft nicht in diesen großen Momenten, sondern viel später. Irgendwann fällt mir auf, dass ich in einer Situation anders reagiert habe als noch vor einem Jahr. Dass ich eine Grenze früher bemerkt habe. Dass ich mich nicht wieder automatisch angepasst habe. Dass ich mir eine Pause genommen habe, bevor gar nichts mehr ging.
Und manchmal ist das alles.
Kein großes Aha. Kein Feuerwerk. Man merkt nur plötzlich: Da ist etwas anders geworden. Die Frage ist, hat der eine kraftvolle Moment das alle angestoßen und du musstest nur warten, bis sich dein Unterbewusstsein dazu entscheidet, das neugewonne Wissen einfach so in deine Gewohnheiten einzubauen, oder kannst du durch eigene bewusste Beobachtung zusätzlich an dein Ziel kommen?
Die großen Erfahrungen will ich deshalb gar nicht kleinreden. Ich mag sie selbst, ich nutze manche davon und ich weiß, dass sie Dinge in Bewegung bringen können, an die man sonst vielleicht lange nicht herankommt.
Aber ich glaube, der interessante Teil beginnt eben erst danach. Als ichSantiago de Compostela angekommen war, konnte ich erst begreifen, dass nun nach 5 Wochen laufen und mehr als 1000 km, die eigentliche Reise beginnen würde. Was ich damit meine, wir erhoffen uns manchmal von einem bestimmten Moment er würde vieles oder sogar alles klären. Und manchmal verführt uns die Außenwelt auch genau dazu. Wir glauben, wir müssten nach Außen schauen und weniger in uns selbst.
Ich glaube, dass wenn wir wieder zu Hause sind, wenn der Alltag wieder läuft, wenn niemand mehr den Raum hält und das Leben sehr zuverlässig wieder Dinge von uns möchte, genau dort zeigt sich, was von einer Erkenntnis wirklich bei uns angekommen ist.
Mich würde interessieren, wie du das erlebst. Gab es bei dir einen dieser großen Momente, nach denen tatsächlich etwas dauerhaft anders war? Oder kam die eigentliche Veränderung später, stiller und viel unspektakulärer, als du damals gedacht hättest?
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