Das Pareto-Prinzip ist nichts Neues. Diese 80/20-Regel begegnet einem überall: Ein relativ kleiner Teil sorgt oft für einen erstaunlich großen Teil eines Ergebnisses.
Und heute hatte ich dazu plötzlich einen Gedanken beim Thema Neurodivergenz.
Je nachdem, welche Formen darunter gefasst werden und welche Quelle man betrachtet, liegen Schätzungen bei etwa 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung. Also grob jeder sechste bis fünfte Mensch.
Und da war diese Verbindung.
Nicht im Sinne von: Pareto erklärt jetzt Neurodivergenz. Natürlich nicht, das wäre was, oder? Aber als Gedankenexperiment finde ich es ziemlich spannend: Was, wenn uns diese ungefähr 20 Prozent etwas zeigen? Etwas, das für mehr als nur diese 20 Prozent wichtig ist?

Denn sobald wir über Neurodivergenz sprechen, geht es ziemlich schnell darum, was dieser eine Mensch zusätzlich braucht. Das Kind braucht vielleicht mehr Ruhe, mehr Bewegung oder klarere Übergänge. Ein Erwachsener braucht konkrete Absprachen statt eines freundlichen „Mach das einfach irgendwann“. Jemand arbeitet besser mit Kopfhörern, ein anderer braucht mehr Rückzug, eine andere Struktur oder etwas mehr Zeit, bevor er auf eine Frage antwortet.
Das kann alles sinnvoll sein. Trotzdem frage ich mich, ob wir damit nicht manchmal sehr schnell bei der Anpassung des einzelnen Menschen landen und etwas weniger schnell bei der Umgebung, in der er überhaupt zurechtkommen soll. Denn die Umgebung die wir als Gesellschaft irgendwann gebaut haben ist aus anderen Bedürfnissen entstanden.
Nehmen wir einen lauten Klassenraum. Ein Kind reagiert darauf deutlich, kann sich irgendwann kaum noch konzentrieren oder wird unruhig. Dann kann dieses Kind natürlich eine besondere Sensibilität für Geräusche haben. Aber selbst wenn die anderen Kinder irgendwie damit klarkommen, ist damit noch nicht gesagt, dass Lärm plötzlich eine hervorragende Voraussetzung zum Lernen geworden ist. Eigentlich wissen wir ziemlich genau, was eine gute Voraussetzung zum Lernen darstellt und doch werden weiterhin gegensätzliche Voraussetzungen geschaffen. Statt rergulierung ist das System auf Stress ausgelegt. Ich will hier ganz klar betonen, dass ich das hier keine Absicht unterstelle. Vielmehr möchte ich auf die mögliche Perspektive hinweisen: „das hat bisher gut funktioniert, wieso jetzt nicht mehr, wo müssen wir genauer hinschauen?“.
Aber nicht nur in der Schule fällt mehr und mehr auf, dass es komplexer wird. Auch in der Arbeitswelt wollen die unterschiedlichen Bedürfnisse betrachtet werden. Ein Mensch braucht klare Aufgabenstellungen und wird nervös, wenn Erwartungen nur irgendwo zwischen zwei Nebensätzen und einem vielsagenden Blick versteckt werden. Vielleicht braucht dieser Mensch tatsächlich mehr Klarheit als andere. Ich habe allerdings bisher auch noch niemanden erlebt, der nachhaltig darunter gelitten hätte, wenn man ihm verständlich sagt, was eigentlich gemeint ist.
Mein Gedanke geht hier weiter. Nicht, weil neurodivergente Menschen stellvertretend für alle anderen wären. Das wäre wieder dieselbe Vereinfachung in die andere Richtung. Menschen sind unterschiedlich, auch innerhalb von Neurodivergenz, und natürlich braucht nicht jeder dasselbe.
Aber vielleicht fallen manchen Menschen Dinge früher auf, sie nehmen die Welt anders wahr. Eine Umgebung ist zu laut. Eine Struktur zu starr. Eine Kommunikation unnötig unklar. Übergänge sind schlecht organisiert. Ein Arbeitstag enthält so viele Unterbrechungen, dass man eigentlich kaum noch von konzentriertem Arbeiten sprechen kann. Manche Menschen können das länger kompensieren, andere weniger gut. Das macht die Bedingungen selbst aber nicht automatisch sinnvoll.
Vielleicht ist das einer unserer Denkfehler: Wir verwechseln „Die meisten halten es aus“ mit „So ist es gut“. Und es ist sehr wichtig diese Unterscheidung zu machen.
Menschen können erstaunlich viel aushalten. Das ist eine großartige Fähigkeit und gleichzeitig nicht immer ein besonders guter Maßstab dafür, wie wir Schulen, Arbeitsplätze oder überhaupt unser Zusammenleben gestalten sollten.
Wir bauen Systeme zwangsläufig um gewisse Gemeinsamkeiten herum. Natürlich brauchen Schulen Stundenpläne, Unternehmen Abläufe und Gemeinschaften Regeln. Ich glaube nicht, dass dreißig Kinder jeden Morgen gemeinsam auspendeln sollten, ob Mathematik heute energetisch gerade stimmig ist.
Aber zwischen völliger Beliebigkeit und einem System, in das sich jeder möglichst geräuschlos einfügen soll, gibt es ziemlich viel Raum.
Mich beschäftigt dabei besonders die Frage, was passiert, wenn wir Neuroinklusion nicht ausschließlich als etwas betrachten, das neurodivergenten Menschen hilft. Wenn eine Schule Übergänge klarer gestaltet, profitieren davon vielleicht auch Kinder, die keine Diagnose haben. Wenn ein Unternehmen Besprechungen strukturierter führt und Erwartungen klar kommuniziert, werden vermutlich auch neurotypische Mitarbeiter nicht empört darum bitten, wieder mehr Missverständnisse einzubauen. Wenn Menschen unterschiedliche Möglichkeiten bekommen, sich zu konzentrieren, Pausen zu gestalten oder Informationen zu verarbeiten, muss daraus nicht automatisch Chaos entstehen.
Vielleicht entsteht einfach etwas mehr Spielraum. Und Spielraum finde ich inzwischen ein ziemlich wichtiges Wort. Denn Inklusion kann für mich nicht bedeuten, dass wir eine neue richtige Art des Funktionierens erfinden. Dann hätten wir am Ende nur das alte Raster gegen ein moderneres ausgetauscht und würden uns anschließend sehr fortschrittlich dabei fühlen.
Es geht auch nicht darum, dass jeder jederzeit genau das bekommt, was ihm am liebsten wäre. Zusammenleben braucht Kooperation, Grenzen und manchmal auch die Fähigkeit, etwas mitzutragen, das man sich selbst nicht ausgesucht hätte.
Aber wir könnten öfter unterscheiden zwischen Dingen, die ein System wirklich braucht, und Dingen, die nur deshalb unverrückbar wirken, weil wir sie schon sehr lange so machen.
Vielleicht ist genau das für mich die interessante Verbindung zum Pareto-Prinzip.
Nicht: 20 Prozent sind neurodivergent, also muss irgendwo mathematisch die passende 80 stehen. Das wäre schon deshalb ein eher abenteuerlicher Umgang mit Statistik. Eher die Frage, ob ein vergleichsweise kleinerer Teil einer Gruppe besonders deutlich zeigen kann, wo etwas grundsätzlich noch einmal angeschaut werden sollte.
Was lernen wir über Konzentration von Menschen, die Reize weniger gut ausblenden können? Was lernen wir über Kommunikation von Menschen, die mit Andeutungen wenig anfangen können? Was lernen wir über Arbeitsbedingungen von Menschen, die nicht jahrelang über ihre eigenen Grenzen gehen können, ohne dass ihr System irgendwann sehr deutlich widerspricht?
Ich vermisse in allen Dikussionen oft die Fragen – genau diese Fragen, die einen mehr zu einer Lösung führen können, weil sie die Neugier am menschlichen Zuasmmenleben in der heutigen Zeit betrachten.
Und dann wären diese 15 bis 20 Prozent nicht in erster Linie diejenigen, für die wir ständig Sonderlösungen erfinden müssen. Vielleicht sind sie an manchen Stellen auch diejenigen, die uns auf Dinge aufmerksam machen, die wir bei den anderen längst als normal verbucht haben.

Ich finde diesen Gedanken jedenfalls interessanter als die Frage, wie wir Menschen noch besser an bestehende Systeme anpassen können.
Vielleicht sollten wir öfter fragen, was unsere Systeme über Menschen gelernt haben könnten, wenn wir gerade denen zuhören, die darin nicht ganz so unauffällig funktionieren. Und vielleicht wäre das sogar eine ziemlich gute Form von Fortschritt: nicht alle gleich zu machen, sondern endlich genug über Unterschiedlichkeit zu wissen, um mehr als eine Art zu funktionieren zuzulassen.
Mich würde wirklich interessieren, wie ihr das seht. Kennt ihr Situationen aus Schule, Arbeit oder Alltag, in denen etwas ursprünglich für einen besonderen Bedarf verändert wurde und am Ende viel mehr Menschen davon profitiert haben?
Deine Isabel
Mentorin für Transformation&Orientierung | Gründerin von Oilements
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