Dafür habe ich gerade keine Zeit
Wenn ich mir morgen das Bein breche, werde ich vermutlich nicht erst drei Wochen beobachten, ob es sich vielleicht von selbst wieder einrenkt.
Bei Rückenschmerzen sieht die Sache schon anders aus. Die kann man eine ganze Weile ignorieren, ein bisschen anders sitzen, gelegentlich darüber klagen und sich vornehmen, wirklich bald mal einen Termin zu machen. Und wenn es nicht der Rücken ist, sondern das eigene Leben, das gerade überall ein bisschen zieht, halten wir offenbar noch erstaunlich viel länger durch.
Ich höre im Moment häufig Sätze wie: „Bei uns ist gerade einfach Chaos.“ „Ich halte irgendwie den Kopf über Wasser.“ „Ich müsste eigentlich dringend mal wieder etwas für mich tun.“ Oder mein persönlicher Klassiker: „Wenn die nächsten Wochen vorbei sind, wird es bestimmt ruhiger.“
Kann natürlich passieren.
Das Leben hat nur die unangenehme Angewohnheit, nach den nächsten zwei Wochen noch weitere zu produzieren. Wir reden so, als könnten wir nach diesen zwei Wochen einfach auf Pause drücken.

Spannend finde ich, was passiert, wenn man in solchen Gesprächen irgendwann Unterstützung erwähnt. Das muss gar keine Therapie sein und auch nicht unbedingt Coaching. Vielleicht ein Gespräch, ein Kurs, eine Meditation, jemanden, der die Kinder übernimmt, eine Gruppe, Unterstützung im Haushalt, irgendetwas aus Oilements oder einfach ein Mensch, der einen ein Stück begleitet.
Dann kommt erstaunlich häufig:
„Dafür habe ich gerade keine Zeit.“
Und ich verstehe den Satz sogar sehr gut. Ich nutze ihn immer noch hin und wieder. Gerade wenn alles voll ist, fühlt sich Hilfe zunächst nicht unbedingt wie Hilfe an. Sie sieht verdächtig nach einem weiteren Termin aus. Noch etwas, um das ich mich kümmern muss, obwohl ich ja gerade deshalb Unterstützung gebrauchen könnte, weil ich mich um ungefähr siebzehn Dinge zu viel kümmere.
Trotzdem steckt darin ein merkwürdiger Widerspruch.
Wenn wir ein Haus bauen, ist für die meisten von uns ziemlich selbstverständlich, dass wir nicht sämtliche Gewerke selbst übernehmen. Vielleicht trauen wir uns noch das Streichen zu, möglicherweise auch mehr, aber spätestens bei der Elektrik ist es durchaus charmant, wenn jemand beteiligt ist, der weiß, was er tut.
Bei einer Unternehmensgründung sieht es ähnlich aus. Steuerberatung, Rechtsfragen, Technik – irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem Google und guter Wille allein vielleicht nicht mehr die effizienteste Lösung sind.
Nur wenn es um uns selbst geht, scheint irgendwo eine andere Vorstellung zu greifen.
Das müsste ich doch allein hinbekommen.

Eigentlich ist das ziemlich erstaunlich, denn der Mensch ist ausgerechnet für dieses Allein-Hinbekommen nicht besonders überzeugend gebaut. Evolutionspsychologische Forschung beschreibt uns als ausgesprochen soziale und kooperative Spezies. Menschen haben über sehr lange Zeiträume in Beziehungs- und Unterstützungsnetzen gelebt, voneinander gelernt, gemeinsam versorgt und sich gegenseitig durch schwierige Situationen getragen. (Annual Reviews)
Die Geschichte, wie daraus in westlichen Gesellschaften dieses starke Ideal des autonomen Individuums wurde, ist allerdings komplizierter als „Dann kam vor 200 Jahren die Industrialisierung und alles war kaputt“. Individualistische Strukturen in Europa haben deutlich ältere Wurzeln. Forschung zur europäischen Verwandtschaftsgeschichte sieht Veränderungen bereits viele Jahrhunderte früher. Industrialisierung, Mobilität, Lohnarbeit und später bestimmte Vorstellungen von Kleinfamilie und persönlicher Unabhängigkeit haben diese Entwicklung dann weiter verändert und verstärkt. (Science)
Irgendwo auf diesem Weg scheint aus „Ich kann für mich Verantwortung übernehmen“ ziemlich leicht „Ich sollte das allein schaffen“ geworden zu sein.
Das ist nicht dasselbe.
Und vielleicht merken wir gerade, dass uns dabei etwas fehlt.
Die WHO spricht soziale Verbundenheit inzwischen ganz ausdrücklich als Gesundheitsfaktor an. Etwa jeder sechste Mensch weltweit berichtet von Einsamkeit, und mangelnde soziale Verbindung hängt nicht nur mit psychischem Wohlbefinden zusammen, sondern auch mit körperlicher Gesundheit. Gemeinschaft ist also kein nostalgisches Extra für Menschen, die gern Nachbarschaftsfeste organisieren. Sie gehört ziemlich fundamental zum Menschsein. (Weltgesundheitsorganisation)
Vielleicht erklärt das auch, warum gerade überall wieder Communities entstehen. Online und offline, professionell und privat, rund um Hobbys, Lebensphasen, Spiritualität, Elternschaft oder Arbeit. Wir suchen Verbindung offenbar auch dann weiter, wenn die klassischen Strukturen dafür schwächer geworden sind.
Unser Bedürfnis nach Zugehörigkeit verschwindet ja nicht, nur weil wir gelernt haben, unseren Alltag effizient allein zu organisieren.
Und genau deshalb halte ich es für wichtig, wo wir diese Zugehörigkeit finden. Wenn Menschen hungrig nach Verbindung, Orientierung oder Verständnis sind, fühlt sich ein Ort, an dem endlich jemand sagt „Hier gehörst du hin“, ziemlich mächtig an. Gemeinschaft kann tragen. Sie kann aber auch eng machen, wenn Zugehörigkeit plötzlich davon abhängt, dieselben Antworten, dieselben Feindbilder oder dieselbe Wahrheit zu übernehmen.
Vielleicht brauchen wir deshalb nicht weniger Gemeinschaft, sondern bessere.
Und gleichzeitig ein etwas entspannteres Verhältnis dazu, Hilfe überhaupt anzunehmen.
Denn bei mentaler Belastung wissen wir inzwischen ziemlich gut, dass Menschen Unterstützung häufig verzögert suchen. Stigma spielt dabei eine Rolle, aber interessanterweise taucht in der Forschung auch immer wieder der Wunsch auf, Probleme selbst lösen zu wollen. Selbstständigkeit, die eigentlich eine Stärke ist, kann irgendwann zur Hürde werden. (PubMed Central (PMC))
Ich glaube nur nicht, dass wir deshalb jetzt alle lernen müssen, bei jeder schwierigen Woche sofort professionelle Hilfe zu buchen.
Das wäre die andere Übertreibung.
Mich interessiert viel mehr dieser Bereich davor.
Der Moment, in dem ich merke: Gerade wird es viel.
Und dann nicht automatisch entscheide, dass ich eben noch ein bisschen mehr tragen muss.
Vielleicht rufe ich jemanden an. Vielleicht sage ich einen Termin ab. Vielleicht brauche ich ein Gespräch. Vielleicht zehn Minuten Ruhe. Vielleicht eine Gruppe, in der ich mich nicht erklären muss. Vielleicht merke ich auch, dass ich seit Monaten an derselben Stelle festhänge und es Zeit wäre, jemanden von außen darauf schauen zu lassen.
Hilfe muss nicht erst beginnen, wenn wir untergehen.
Vielleicht ist genau das einer der Gedanken hinter Oilements, der mir immer wichtiger wird. Ich wollte keinen Ort schaffen, den man erst braucht, wenn gar nichts mehr geht. Sondern einen, an den man auch kommen kann, wenn man merkt: Ich bin gerade sehr weit von mir weg. Was brauche ich eigentlich?
Manchmal reichen dafür fünf Minuten.
Manchmal reichen fünf Minuten natürlich überhaupt nicht.
Auch das gehört zur Wahrnehmung.
Wenn ein Bein gebrochen ist, brauche ich keinen Lavendel und keine Meditation, sondern medizinische Versorgung. Und wenn psychische Belastung behandlungsbedürftig wird, gilt dasselbe Prinzip: Dann braucht es die entsprechende professionelle Hilfe.
Aber dazwischen liegt ein riesiger Bereich unseres Lebens, in dem wir nicht hilflos sind und trotzdem nicht alles allein machen müssen.
Vielleicht haben wir einfach viel zu lange geglaubt, Erwachsensein bedeute, möglichst niemanden zu brauchen.
Dabei könnte Erwachsensein auch bedeuten, langsam gut genug zu wissen, wann man etwas selbst tragen kann – und wann es klüger wäre, jemanden dazuzuholen.
Das können wir beim Hausbau schließlich auch.
Warum eigentlich nicht bei uns?


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