Der Finger in der Wunde
Ich habe eine erstaunliche Begabung dafür, Dinge anzusprechen, die andere lieber noch ein bisschen liegen lassen würden.
Das war in meinem Leben nicht immer besonders praktisch. Eigentlich garnicht. Zumindest von außen betrachtet
In Unternehmen, in Beziehungen, in Gruppen, eigentlich überall dort, wo Menschen länger miteinander zu tun haben, entstehen irgendwann Dynamiken. Manche funktionieren gut. Andere funktionieren irgendwie, solange niemand genauer hinsieht. Und wieder andere funktionieren vor allem deshalb, weil alle gelernt haben, um bestimmte Stellen herumzulaufen. Haben wir ja schließlich schon immer so gemacht oder?
Ich sehe diese Stellen meistens ziemlich schnell.
Nicht, weil ich morgens aufstehe und denke: Heute suche ich wieder etwas, das ich kritisieren kann.
Im Gegenteil.
Meistens sehe ich sogar ziemlich schnell, warum etwas so geworden ist. Wer überfordert ist. Wo eine Struktur fehlt. Welche Erwartungen sich gegenseitig widersprechen. Wo jemand versucht, etwas zu halten, das längst zu schwer geworden ist. Und häufig entsteht bei mir gleichzeitig die nächste Frage:
Wie könnte man es anders machen?
Das klingt in meinem Kopf ziemlich konstruktiv.
Von außen wird es offenbar nicht immer so erlebt.
Denn sobald man einen Finger auf etwas legt, das weh tut, reagieren Menschen selten zuerst mit: „Ah, hervorragend, da ist ja endlich die Person, die unseren blinden Fleck gefunden hat.“
Wäre schön.
Passiert aber eher selten.
Viel wahrscheinlicher ist, dass erst einmal geklärt wird, ob vielleicht der Finger das eigentliche Problem ist.
Das kenne ich inzwischen ziemlich gut.
Ich habe in meinem Berufsleben Dinge angesprochen, die nicht gut liefen, und musste irgendwann feststellen, dass es ausgesprochen unangenehm sein kann, recht früh zu sehen, wohin eine Entwicklung führt.
Nicht unbedingt, weil man recht haben möchte, vielmehr weil manche Probleme deutlich angenehmer sind, solange sie noch niemand ausgesprochen hat.
Und gerade erlebe ich dieses Muster wieder an anderer Stelle.
Ich habe bei einem System, in dem es offensichtlich Reibung gibt, nicht nur gesagt: Hier läuft etwas nicht.
Ich habe versucht zu verstehen, warum.
Wo jemand überfordert sein könnte. Welche Unterstützung fehlt. Welche Rahmenbedingungen das Ganze verschärfen. Was man verändern könnte, damit es für alle Beteiligten leichter wird.
Für das Kind.
Für die Erwachsenen.
Für die Person, die gerade sichtbar an Grenzen kommt.
In meinem Kopf ist das keine Verurteilung.
Es ist eine Analyse.
Wenn jemand mit einer Aufgabe überfordert ist, bedeutet das für mich nicht automatisch, dass dieser Mensch schlecht, unfähig oder ungeeignet ist. Es kann genauso bedeuten, dass die Aufgabe falsch gebaut ist, Ressourcen fehlen, Anforderungen nicht zusammenpassen oder Unterstützung zu spät kommt.
Eigentlich interessiert mich genau das.
Nicht: Wer ist schuld?
Sondern: Was passiert hier gerade?
Und was müsste sich verändern, damit es besser funktioniert?
Trotzdem reicht es manchmal schon, Überforderung überhaupt zu benennen, damit plötzlich nicht mehr über die Überforderung gesprochen wird, sondern über die Person, die sie ausgesprochen hat.
Das kann wahnsinnig machen.
Vor allem dann, wenn man nicht zerstören, sondern verbessern wollte.
Und vielleicht habe ich deshalb irgendwann angefangen, mich selbst zu fragen, ob ich einfach zu kritisch bin.
Zu direkt.
Zu empfindlich für Inkonsistenzen.
Zu schnell darin, Dinge zu sehen, die andere offenbar noch nicht sehen oder zumindest gerade nicht sehen möchten.
Ich glaube inzwischen: teilweise vielleicht.
Natürlich kann auch ich falschliegen. Ich kann Zusammenhänge falsch einschätzen, Informationen nicht haben oder einer Dynamik zu viel Bedeutung geben. Die Tatsache, dass ich etwas erkenne, macht meine Interpretation nicht automatisch zur Wahrheit.
Aber ich glaube nicht mehr, dass meine Art hinzusehen das Problem ist.
Denn genau diese Art hinzusehen ist einer der wichtigsten Teile meiner Arbeit.
Ich sehe relativ schnell, wenn etwas nicht zusammenpasst.
Wenn ein Mensch etwas sagt, aber etwas anderes lebt.
Wenn ein Team über Kommunikation spricht, aber Informationen nur auf Umwegen fließen.
Wenn eine Familie glaubt, ein einzelnes Mitglied sei das Problem, obwohl längst das ganze System auf Spannung läuft.
Wenn ein Unternehmen versucht, ein menschliches Problem mit noch einem Prozess zu lösen.
Oder wenn ein Prozess fehlt und alle seit Monaten versuchen, das mit besonders viel persönlichem Einsatz auszugleichen.
Ich sehe Muster.
Ich sehe Wechselwirkungen.
Und ich kann meistens nicht anders, als mich zu fragen, was passieren würde, wenn man an einer anderen Stelle ansetzt.
Früher habe ich diese Eigenschaft meistens als Belastung erlebt, weil es mir von außen auch so gespiegelt wurde. UndwWeil es durchaus entspannter wäre, manche Dinge nicht zu bemerken.
Man könnte einfach sagen: Läuft doch.
Oder: Das machen wir hier eben so.
Ein Satz, der bei mir zuverlässig ungefähr denselben inneren Frieden erzeugt wie ein Rauchmelder mit leerer Batterie.
Denn wenn etwas offensichtlich Menschen Kraft kostet, Konflikte produziert oder permanent kompensiert werden muss, interessiert mich irgendwann, warum wir es weiter so machen.
Nicht aus Rebellion um der Rebellion willen.
Sondern weil ich Systeme nicht getrennt von den Menschen darin betrachten kann.
Vielleicht ist genau das der entscheidende Punkt.
Ich sehe den Fehler nicht und denke: Wer hat das verbockt?
Ich sehe eine Reibung und denke: Was hängt damit zusammen?
Wer trägt gerade etwas?
Was wird hier kompensiert?
Welches Bedürfnis wird übersehen?
Welche Struktur produziert immer wieder dasselbe Ergebnis?
Und welche kleine Veränderung könnte an mehreren Stellen gleichzeitig etwas verbessern?
Das ist im privaten Leben manchmal anstrengend.
Beruflich ist es ziemlich genau das, was ich anbiete.
Denn Menschen holen sich Unterstützung selten, weil bereits alles hervorragend funktioniert.
Sie kommen, weil etwas nicht mehr richtig passt. Weil sie sich selbst nicht mehr verstehen. Weil eine Situation festgefahren ist. Weil Beziehungen kippen. Weil Entscheidungen fehlen. Weil ein Team, eine Familie oder ein einzelner Mensch merkt: So wie bisher möchten wir nicht weitermachen.
Und dann braucht es nicht immer jemanden, der sofort eine Lösung aus der Tasche zieht.
Manchmal braucht es zuerst jemanden, der überhaupt erkennt, was da eigentlich passiert.
Jemanden, der verschiedene Perspektiven gleichzeitig halten kann.
Der nicht sofort einen Schuldigen braucht.
Der unangenehme Dinge ansprechen kann, ohne den Menschen dahinter abzuwerten.
Der Strukturen sieht und trotzdem das Individuum nicht verliert.
Der sagen kann: Hier ist die Wunde.
Und dann nicht triumphierend den Finger hineinbohrt, sondern fragt:
Was braucht es, damit sie heilen kann?
Vielleicht ist das die erwachsenere Version einer Eigenschaft, mit der ich früher oft angeeckt bin. Eigentlich immer früher oder später
Nicht weniger sehen.
Nicht weniger sagen.
Sondern genauer werden darin, wie ich es tue und wofür.
Ich möchte Menschen nicht zeigen, was alles falsch ist. Davon haben die meisten vermutlich genug.
Mich interessiert vielmehr der Moment, an dem etwas plötzlich verständlich wird.
Wenn jemand erkennt, warum sich dieselbe Situation immer wiederholt.
Wenn aus „Mit mir stimmt etwas nicht“ ein „Ah, unter diesen Bedingungen ergibt meine Reaktion ziemlich viel Sinn“ wird.
Wenn ein Konflikt aufhört, nur ein persönlicher Angriff zu sein, und als Dynamik sichtbar wird.
Wenn jemand merkt, dass er nicht noch mehr Kraft braucht, sondern vielleicht eine andere Struktur.
Dafür muss man allerdings manchmal bereit sein, an die Stelle zu schauen, die alle bisher ganz ordentlich umgangen haben.
Und vermutlich werde ich deshalb auch weiterhin gelegentlich negativ auffallen.
Ich arbeite daran, das auszuhalten. Ich bin anders, ich war schon immer anders und das ist nichts, was ich ändern möchte. Aber man will ja dazu gehören und gemocht werden und hier darf ich eben bei mir bleiben.
Denn vielleicht ist nicht jede unangenehme Beobachtung ein Problem.
Manchmal ist sie schlicht der Anfang von Veränderung.
Und falls du jemanden suchst, der dir bestätigt, dass alles eigentlich schon ganz gut läuft, bin ich vermutlich nicht die Richtige.
Wenn du allerdings das Gefühl hast, dass irgendwo etwas hakt, du aber noch nicht genau erkennst, wo – dann wird es interessant.
Diese Stellen sehe ich meistens ziemlich schnell.

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