Stein für Stein
Man erzählte sich im Dorf von einer Frau, die Steine sammelte.
Nicht die schönen, runden vom Fluss, die Kinder in ihre Taschen steckten. Sie nahm die schweren. Die kantigen. Jene, die halb im Boden lagen und sich nur widerwillig herausziehen ließen.
Jeden Abend brachte sie einen nach Hause.
Niemand wusste, weshalb.
Am Anfang lagen nur drei vor ihrer Tür. Im Frühjahr waren es zwölf. Als der erste Schnee kam, hatte sie begonnen, sie übereinanderzusetzen.
„Du baust eine Mauer“, sagte ihre Nachbarin irgendwann.
„Sieht so aus“, antwortete die Frau und trug einen weiteren Stein heran.
„Wovor?“
Da hielt sie kurz inne.
„Weiß ich nicht mehr.“
Die Nachbarin lachte. Die Frau auch.
Dann setzte sie den Stein auf die anderen.
Im Dorf gewöhnte man sich daran.
Man gewöhnt sich an erstaunlich vieles.
Dass die Glocke der Kapelle eine Viertelstunde nachging. Dass der Hund des Bäckers jeden Morgen denselben Mann anbellte. Dass vor dem Haus am Waldrand langsam eine Mauer wuchs.
Nur die Kinder blieben manchmal stehen und sahen zu.
Eines von ihnen fragte die Frau, warum sie ausgerechnet die schweren Steine nahm.
Sie strich sich den Dreck von den Händen.
„Weil die halten.“
„Was halten sie?“
Die Frau blickte zum Wald.
„Dinge draußen.“
Das Kind betrachtete die Mauer.
„Und dich drinnen.“
Die Frau sah es einen Moment lang an.
Dann sagte sie: „Lauf nach Hause. Es wird dunkel.“
Die Jahre vergingen.
Und mit jedem Jahr wurde die Frau geschickter.
Sie wusste inzwischen genau, welcher Stein wohin gehörte.
Da war einer, den sie als Mädchen gefunden hatte, nachdem man ihr erklärt hatte, sie sei zu empfindlich.
Ein anderer war dazugekommen, als sie gelernt hatte, dass Schweigen manchmal weniger Ärger machte als die Wahrheit.
Es gab einen für das Lächeln, wenn ihr eigentlich nach Weinen gewesen war.
Einen dafür, weiterzumachen, obwohl sie längst müde war.
Einen besonders schweren hatte sie viele Jahre getragen. Auf ihm stand nichts. Aber wenn sie ihn ansah, wusste sie noch, wie oft sie gedacht hatte:
Ich muss da jetzt einfach durch.
Die Mauer wurde schön.
Das muss man ihr lassen.
Gerade Linien. Saubere Fugen. Kein Stein wackelte.
Die Menschen im Dorf bewunderten die Frau dafür.
„Du bist stark“, sagten sie.
„Auf dich kann man sich verlassen.“
„Du machst das schon.“
Und manchmal, wenn die Frau abends allein war, fuhr sie mit der Hand über die Steine und dachte, dass sie wohl recht hatten.
Sie machte das schon.
Was auch immer das eigentlich war.
Irgendwann war die Mauer höher als sie selbst.
Durch eine kleine Öffnung konnte sie noch den Weg sehen.
Sie hörte die Händler am Morgen, Kinder auf dem Rückweg vom Fluss und abends die Stimmen vom Wirtshaus.
Manchmal setzte sie sich mit einer Tasse in der Hand hinter ihre Mauer und lauschte.
Sie war nicht unglücklich.
Das hätte sie vermutlich sogar geärgert, wenn jemand es behauptet hätte.
Sie hatte ein Dach über dem Kopf. Arbeit. Essen. Menschen, die ihren Namen kannten.
Ihr Leben funktionierte.
Nur manchmal saß sie da und merkte, dass sie nicht wusste, wann sie zuletzt den Wald gerochen hatte.
Nicht das Holz in ihrem Ofen.
Den Wald.
Nasse Erde. Farn. Pilze. Dieses schwere Grün nach einem Sommerregen.
Eines Abends hörte sie Schritte vor der Mauer.
„Bist du noch da?“
Sie erkannte die Stimme.
Es war das Kind von damals. Nur war es längst kein Kind mehr.
„Wo sollte ich denn sein?“
„Das frage ich mich auch.“
Die Frau musste lachen.
„Du warst schon als Kind unverschämt.“
„Und du hast schon damals nicht auf meine Fragen geantwortet.“
Eine Weile sagte keiner etwas.
Dann fragte die Stimme draußen:
„Wovor schützt sie dich?“
Die Frau sah auf die Steine.
Diesmal kam keine Antwort.
Sie stand auf und ging langsam an der Mauer entlang.
An manchen Stellen kannte sie jeden Stein.
Bei anderen wusste sie nicht mehr, wann sie sie gesetzt hatte.
Einer erinnerte sie an einen Menschen, der seit vielen Jahren nicht mehr lebte.
Ein anderer an einen Ort, den es nicht mehr gab.
Sie legte die Hand darauf.
Seltsam, dachte sie.
Wie lange etwas bleiben kann, nachdem der Grund dafür verschwunden ist.
Am nächsten Morgen nahm sie diesen Stein aus der Mauer.
Nicht feierlich.
Es erklang auch keine Musik und der Himmel teilte sich nicht.
Der Stein klemmte.
Sie fluchte.
Holte einen Hammer.
Fluchte noch einmal.
Und irgendwann lag er vor ihren Füßen.
In der Mauer war ein Loch, kaum größer als ihre Hand.
Durch dieses Loch fiel Licht.
Die Frau stand davor und sah es an, als hätte sie noch nie welches gesehen.
Am nächsten Tag nahm sie keinen weiteren Stein heraus.
Auch am übernächsten nicht.
Wochenlang blieb es bei dieser einen kleinen Öffnung.
Aber manchmal stellte sie sich davor.
Im Winter fiel ein wenig Schnee hindurch.
Im Frühling hörte sie die Vögel deutlicher.
Und eines Morgens roch sie den Wald.
Nasse Erde.
Farn.
Dieses schwere Grün.
Da setzte sie sich auf den Boden und weinte.
Nicht lange.
Danach machte sie sich Tee.
Die Mauer stand noch immer.
Viele ihrer Steine brauchte sie.
Das wusste sie jetzt.
Nicht jeder sollte einfach zu ihr hineinspazieren können. Nicht jeder Mensch war freundlich. Nicht jede Tür musste offenstehen.
Aber an diesem Frühjahr begann die Frau, ihre Mauer Stein für Stein durchzugehen.
Bei manchen sagte sie: „Du bleibst.“
Bei anderen musste sie lange überlegen.
Und bei einigen fragte sie sich irgendwann nur noch:
„Warum bist du eigentlich noch hier?“
Im Sommer baute sie eine Tür.
Keine besonders große.
Aber sie ließ sich von innen öffnen.
Ich denke in letzter Zeit öfter an diese Frau.
Vielleicht weil ich mich frage, ob wir wirklich so anders werden, nur weil wir älter werden.
Ein Kind kann morgens irgendwo stehen und innerlich nur denken: Ich muss diesen Tag irgendwie schaffen.
Mit neun sagt man vielleicht noch: „Ich will da nicht hin.“
Mit 39 sagt man eher: „Es ist gerade eine anstrengende Phase.“
Klingt deutlich vernünftiger.
Ob es sich innen immer so anders anfühlt, weiß ich nicht.
Vielleicht werden wir einfach besser im Mauern.
Wir lernen, was von uns erwartet wird. Welche Teile von uns gerade praktisch sind. Wo wir lieber schweigen. Wann wir noch ein bisschen durchhalten können.
Und irgendwann nennen andere uns belastbar, unkompliziert oder stark.
Vielleicht sind wir das sogar.
Nur würde ich trotzdem hin und wieder gern wissen, aus welchen Steinen diese Stärke gebaut wurde.
Denn wahrscheinlich brauchen wir einige davon wirklich.
Aber vielleicht stehen da auch noch welche für Menschen, Orte und Gefahren, die längst nicht mehr existieren.
Und ich glaube, darum geht es mir.
Nicht darum, jede Mauer einzureißen.
Ich möchte nur irgendwann wieder wissen, dass die Tür von innen aufgeht.

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