Pass auf, wem du glaubst, wenn du dir selbst gerade nicht sicher bist

Vielleicht bist du gerade in so einer Phase.

Nach außen läuft dein Leben sogar noch ziemlich ordentlich. Du arbeitest, triffst Entscheidungen, kümmerst dich um Menschen, beantwortest Nachrichten und bekommst vermutlich auch die meisten Dinge hin, die von dir erwartet werden.

Aber innen hat sich etwas verschoben.

Vielleicht weißt du noch nicht einmal genau, was.

Du weißt nur: So wie bisher geht es irgendwie nicht mehr.

Das kann das Unternehmen sein. Eine Beziehung. Deine Arbeit. Deine Familie. Dein Körper. Vielleicht auch einfach dieses merkwürdige Gefühl, dass du dich selbst in deinem eigenen Leben nicht mehr richtig findest.

Und dann passiert etwas, das ich inzwischen für ziemlich gefährlich halte.

Du wirst offen.

Nicht im schönen Instagram-Sinn von „offen für neue Möglichkeiten“.

Du wirst wirklich offen.

Dein altes Bild von dir trägt gerade nicht richtig, das neue existiert noch nicht, und plötzlich ist da diese Lücke.

Genau in solchen Zeiten können wir unglaublich viel über uns lernen.

Und genau in solchen Zeiten sind wir auch verdammt anfällig dafür, irgendeinen fremden Quatsch mit unserer eigenen Wahrheit zu verwechseln.

Ich meine das gar nicht abwertend.

Ich kenne das selbst.

Wenn du lange gewusst hast, wer du bist und was du tust, und plötzlich stimmt etwas davon nicht mehr, fühlt sich eine klare Antwort unglaublich gut an.

Dann kommt jemand und sagt:

Du musst nur loslassen.

Oder: Du musst endlich härtere Grenzen setzen.

Oder: Das ist dein Nervensystem.

Oder deine Kindheit.

Oder dein Businessmodell.

Oder dein Mindset.

Oder ein rückläufiger Merkur.

Es findet sich eigentlich immer jemand, der sehr sicher weiß, warum dein Leben gerade nicht funktioniert.

Und wenn du selbst wackelst, kann diese Sicherheit ziemlich attraktiv sein.

Das ist der Moment, an dem ich heute sehr vorsichtig werde.

Denn Halt und Wahrheit fühlen sich manchmal erschreckend ähnlich an.

Vor allem dann, wenn du müde bist.

Wenn du Angst hast.

Wenn du verletzt wurdest.

Wenn etwas gescheitert ist.

Oder wenn du einfach keine Lust mehr hast, noch drei Monate im Nebel herumzulaufen.

Dann möchtest du irgendwann eine Antwort.

Verständlich.

Nur ist nicht jede Antwort, die dich beruhigt, automatisch deine.

Ich glaube, dass viele unserer größten Stärken genau in solchen Zeiten entstehen.

Nicht weil Schmerz automatisch etwas Tolles wäre.

Das ist Bullshit.

Manchmal ist etwas einfach schlimm. Manchmal verletzt uns etwas. Manchmal verlieren wir etwas, das wir behalten wollten. Manchmal ist die Erkenntnis einfach nur: Das hätte ich wirklich nicht gebraucht.

Aber in diesen Phasen passiert oft noch etwas anderes.

Wir werden gezwungen, genauer hinzusehen.

Was hält eigentlich noch?

Was nicht?

Was habe ich jahrelang geglaubt, weil es wirklich meines war?

Und was habe ich nur so lange wiederholt, bis ich vergessen habe, woher der Satz ursprünglich kam?

Das können sehr unbequeme Fragen sein.

Vor allem für Menschen, die gewohnt sind, Dinge zu lösen.

Und wenn du Unternehmerin bist oder viel Verantwortung trägst, bist du wahrscheinlich ziemlich gut darin.

Problem.

Analyse.

Entscheidung.

Weiter.

Das ist großartig, wenn der Vertrieb nicht funktioniert oder ein Prozess angepasst werden muss.

Bei dir selbst kann es etwas komplizierter werden, weil du dich nicht wie ein Projekt behandeln kannst, bei dem du schnell die ineffiziente Stelle findest, ein neues Tool einführst und anschließend die Kennzahlen überprüfst.

Zumindest habe ich das oft genug versucht, um dir sagen zu können: mäßiger Erfolg.

Manche Dinge musst du erst wahrnehmen, bevor du überhaupt weißt, was du damit machen willst.

Und das ist der Teil, den ich früher wahnsinnig schlecht konnte.

Ich konnte unglaublich viel verstehen.

Ich konnte Situationen analysieren, Zusammenhänge sehen, Menschen lesen, Muster erkennen. Ich wusste häufig ziemlich genau, warum etwas passiert.

Nur heißt verstehen nicht automatisch, dass du dich selbst wirklich mitbekommst.

Das habe ich sehr spät verstanden.

Du kannst eine hervorragende Erklärung dafür haben, warum dich etwas verletzt, und trotzdem keine Ahnung haben, wie sehr.

Du kannst wissen, warum du erschöpft bist, und trotzdem noch drei Monate darüber hinweggehen.

Du kannst exakt analysieren, warum eine Beziehung schwierig ist, und trotzdem jedes Mal dieselbe Reaktion haben.

Und du kannst ziemlich kluge Entscheidungen treffen, die überhaupt nicht zu dir passen, weil der Kopf eben nicht immer die ganze Veranstaltung ist.

Das ist vielleicht das, was ich heute anders mache.

Ich versuche nicht mehr sofort zu entscheiden, was etwas bedeutet.

Ich versuche zuerst mitzubekommen, was tatsächlich passiert.

Das klingt klein, aber das ist es nicht.

Denn dazwischen liegt ein riesiger Unterschied.

Nehmen wir an, jemand sagt etwas zu dir und du merkst sofort: Wut.

Früher hätte ich vielleicht innerhalb von drei Sekunden gewusst, warum ich wütend bin, wer hier gerade welches Muster bedient und weshalb meine Reaktion vollkommen nachvollziehbar ist.

Sehr effizient.

Heute interessiert mich noch etwas anderes.

Was passiert gerade wirklich?

Bin ich verletzt?

Fühle ich mich nicht gesehen?

Habe ich Angst, dass etwas wieder passiert, das ich schon kenne?

Oder ist das gerade wirklich eine Grenze, bei der ich sagen muss: Nein. Bis hierhin.

Das führt nicht immer dazu, dass ich netter werde.

Nur klarer.

Manchmal führt genaues Wahrnehmen nämlich zu einem sehr deutlichen Nein.

Manchmal aber auch dazu, dass ich erkenne: Okay. Das hier ist gar nicht die aktuelle Situation. Ich bin gerade nur mit einer ganzen alten Geschichte im Raum aufgetaucht.

Und das verändert Entscheidungen, Beziehungen sowieso und Führung auch.

Denn wenn du dich selbst nicht lesen kannst, weißt du irgendwann nicht mehr, ob du gerade eine Entscheidung für dein Unternehmen triffst oder gegen irgendeinen alten Zweifel in dir.

Du weißt nicht, ob du diese Mitarbeiterin wirklich für ungeeignet hältst oder ob ihr Widerspruch etwas in dir auslöst.

Du weißt nicht, ob du wirklich expandieren willst oder ob du gerade beweisen möchtest, dass du erfolgreich bist.

Du weißt nicht, ob du dein Business verändern möchtest oder nur so erschöpft bist, dass im Moment einfach alles falsch aussieht.

Das sind keine kleinen Unterschiede.

Und genau da wird Verletzlichkeit für mich interessant.

Viele Menschen verstehen Verletzlichkeit so, als müsste man plötzlich jedem sein Innerstes auf den Tisch kippen.

Muss man nicht.

Ich erzähle auch nicht jedem alles, außer ich habe meine 5 Minuten oversharing 🙂

Verletzlichkeit bedeutet für mich eher, dass ich selbst nicht sofort weglaufe, wenn ich etwas in mir entdecke, das mir nicht gefällt.

Dass ich nicht sofort eine Erklärung darüberlege.

Dass ich nicht sofort einen Schuldigen suche.

Und auch nicht sofort die spirituelle Version davon nehme und erkläre, dass das Universum mir gerade eine Lektion geschickt hat.

Vielleicht bin ich einfach traurig.

Vielleicht habe ich Angst.

Vielleicht schäme ich mich.

Vielleicht will ich etwas sehr gerne und habe Angst, dass ich es nicht bekomme.

Kann man kurz aushalten.

Tut niemandem weh.

Und vielleicht liegt genau hier die Verbindung zu Liebe, über die ich in letzter Zeit oft nachdenke.

Wenn du einmal richtig verletzt wurdest, kannst du natürlich entscheiden, dich nie wieder so weit zu öffnen.

Das funktioniert sogar, nur schützt du dich dann nicht ausschließlich vor Schmerz.

Du schützt dich möglicherweise auch vor Nähe.

Vor Vertrauen.

Vor echter Verbindung.

Wir können das eine nicht vollständig schließen und erwarten, dass das andere trotzdem durchkommt.

Und ich glaube, mit unserem eigenen Leben ist es ähnlich.

Wenn ich jede Situation nur noch unter dem Gesichtspunkt betrachte, wie ich mich möglichst zuverlässig schütze, lerne ich irgendwann nichts Neues mehr über mich.

Dann werde ich vielleicht sehr sicher.

Sehr kontrolliert.

Sehr unangreifbar.

Und möglicherweise irgendwann ziemlich weit weg von mir selbst.

Ich glaube übrigens, dass genau das oft passiert, wenn Menschen nach einer schwierigen Erfahrung sehr „stark“ werden.

Sie werden unabhängig.

Brauchen niemanden.

Lassen sich nichts mehr gefallen.

Haben gelernt, Grenzen zu setzen.

Alles richtig.

Und manchmal ist das auch wirklich Entwicklung.

Manchmal ist es aber schlicht eine sehr elegante Mauer.

Man muss schon ziemlich genau hinschauen, um den Unterschied zu erkennen.

Vielleicht ist das der Satz, um den es mir eigentlich geht:

Nicht alles, was sich nach Stärke anfühlt, ist Stärke. Und nicht alles, was sich verletzlich anfühlt, ist Schwäche.

Manchmal ist es genau andersherum.

Manchmal brauchst du ziemlich viel Kraft, um an einer Stelle offen zu bleiben, an der dein ganzer Körper dir sagt: Mach zu. Geh weg. Entscheide jetzt irgendwas, damit diese Unsicherheit endlich aufhört.

Und dann kommt noch die Welt dazu.

Mit ihren Ratschlägen.

Menschen meinen es häufig gut.

Das macht es nicht leichter.

Denn gerade die Menschen, die uns lieben, möchten uns oft schnell wieder stabil sehen.

Sie wollen, dass es uns gut geht.

Also sagen sie Dinge wie:

Mach das doch einfach.

Trenn dich.

Bleib.

Verkauf.

Kündige.

Zieh um.

Lass es.

Kämpf darum.

Und manchmal ist einer dieser Sätze genau richtig.

Aber er muss trotzdem durch dich hindurch.

Das ist deine Arbeit.

Nicht die Entscheidung selbst.

Das Prüfen.

Wenn du gerade in so einer Phase bist, würde ich deshalb vielleicht gar nicht zuerst fragen:

Was soll ich tun?

Ich würde einen Schritt vorher bleiben.

Was weiß ich eigentlich gerade wirklich?

Nicht: Was befürchte ich?

Nicht: Was sagt meine beste Freundin?

Nicht: Was hat mein letzter Coach gesagt?

Nicht: Was würde die erfolgreiche Frau auf LinkedIn machen, die morgens anscheinend bereits ihre gesamte Persönlichkeit optimiert hat, bevor ich überhaupt meinen ersten Kaffee finde?

Was weiß ich?

Und dann kommt vielleicht erst einmal erstaunlich wenig.

Gut.

Das ist ehrlicher als eine schnelle Antwort, die gar nicht deine ist.

Vielleicht weißt du nur:

So möchte ich nicht mehr weitermachen.

Das reicht für heute.

Vielleicht weißt du:

Diese Beziehung ist mir wichtig, aber so kann ich darin nicht bleiben.

Auch das reicht.

Vielleicht weißt du:

Ich will mein Unternehmen nicht aufgeben. Aber ich will es auch nicht mehr so führen.

Das ist schon ziemlich viel Orientierung.

Wir sind so gewohnt, Klarheit mit einer fertigen Lösung zu verwechseln.

Dabei beginnt Klarheit manchmal einfach dort, wo du endlich sauber unterscheiden kannst zwischen dem, was du weißt, und dem ganzen Rest, den du gerade dazuerzählst.

Und vielleicht brauchst du an diesem Punkt einen Menschen an deiner Seite.

Nicht jemanden, der dir sagt, welche Entscheidung du treffen sollst.

Ganz im Gegenteil.

Wenn du gerade verletzlich bist, wäre ich bei Menschen, die deine Antworten sehr schnell kennen, inzwischen eher vorsichtig.

Ich finde Menschen interessanter, die dir helfen, deine eigene Antwort wieder zu hören.

Die nachfragen.

Die Widersprüche bemerken.

Die dir auch mal sagen: Du erzählst mir seit zwanzig Minuten, dass du das unbedingt willst, aber jedes Mal, wenn du darüber sprichst, ziehst du dich komplett zusammen. Was passiert da?

Nicht als Orakel.

Als Spiegel.

Vielleicht ist das überhaupt der größte Wert guter Begleitung.

Dass du deine Orientierung nicht abgibst.

Du bekommst sie zurück.

Denn genau in den Zeiten, in denen wir am verletzlichsten sind, entsteht oft unglaublich viel.

Neue Klarheit.

Neue Grenzen.

Neue Ideen.

Eine andere Art zu führen.

Vielleicht sogar eine Version von uns, die näher an dem liegt, was wir eigentlich längst gespürt haben.

Aber genau deshalb würde ich diese Phasen heute anders schützen.

Nicht indem ich mich abschotte.

Sondern indem ich genauer auswähle, was ich hineinlasse.

Welche Stimmen.

Welche Meinungen.

Welche Geschichten über mich.

Und bevor ich eine davon glaube, möchte ich zumindest einmal bei mir selbst nachgesehen haben.

Vielleicht ist das die Frage, die ich dir lassen möchte, wenn du gerade an so einem Punkt stehst:

Wenn für einen Moment niemand eine Meinung über dein Leben hätte – was wüsstest du dann trotzdem?

Bleib da kurz.

Nicht sofort beantworten.

Vielleicht ist genau dort mehr von deiner nächsten Richtung, als du gerade denkst.

Und falls du mir erzählen möchtest, was sich da gerade in dir etwas auftut, dann begleite ich dich gerne ein Stück auf deinem Weg.

Schlagwörter

Kommentar verfassen

Ava Reed is the passionate and insightful blogger behind our coaching platform. With a deep commitment to personal and professional development, Ava brings a wealth of experience and expertise to our coaching programs.

About the Coach ›

Newsletter

Weekly Thoughts on Personal Development

We know that life's challenges are unique and complex for everyone. Coaching is here to help you find yourself and realize your full potential.

About the Coach ›